Der Dichter und die Jugend · Der Dichter und die Zeit
Aktualisiert am Lesezeit etwa 2 MinutenRubrik: Reden
Zweimal sprach Ernst Wiechert im Auditorium maximum der Münchner Universität zur studentischen Jugend: im Juli 1933 und im April 1935. Die erste Rede war noch vorsichtig, die zweite eine Warnung, die jeder verstand.
1933: Der Dichter und die Jugend
Die erste Rede hielt Wiechert am 6. Juli 1933, wenige Monate nach der Machtübernahme. Er war damals ein erfolgreicher Autor, der gerade den Schuldienst verlassen hatte, und die neuen Machthaber hätten ihn gern für sich gewonnen. Die Kritik an den neuen Verhältnissen blieb in dieser Rede verschleiert. Schon der Titel zeigt den Anspruch: Der Dichter wendet sich an die Jugend, die von den neuen Machthabern gerade umworben wurde – mit Worten, die man damals noch so oder so hören konnte.
Dass Wiechert in diesen ersten Monaten durchaus kompromissbereit war, zeigt eine Lesereise nach Skandinavien im Dezember 1933: Dort verwies er auf positive Seiten des neuen Regimes und bestritt vehement, dass Deutschland auf einen Krieg hinarbeite. Seine Haltung wandelte sich erst in den folgenden Jahren.
1935: Der Dichter und die Zeit
Knapp zwei Jahre später, am 16. April 1935, durfte Wiechert an gleicher Stelle erneut sprechen. Diesmal war der Ton ein anderer. Er sprach davon, dass ein Volk aufhören könne, Recht und Unrecht zu unterscheiden, und dass es dann schon auf einer abschüssigen Ebene stehe, das Gesetz seines Untergangs geschrieben:
Es kann auch sein, daß ein Volk aufhört, gut und böse zu unterscheiden. Es kann dann sein, daß es noch Gladiatorenruhm gewinnt und in Kämpfen ein Ethos aufrichtet, das wir ein Boxerethos nennen wollen.
Am Ende der Passage greift Wiechert zum Bild aus dem Buch Daniel: Über einem solchen Volk sei die Waage schon aufgehoben, und an der Wand erscheine die Hand, die mit Feuer schreibt. Den Zuhörern war klar, wer gemeint war.
Die Folgen
Spätestens nach dieser Rede wussten die Machthaber, dass sie Wiechert nicht gewinnen würden. Er stand ab 1934 ohnehin unter heimlicher Beobachtung der Gestapo; nun wurden seine Lesungen durch bestellte Störer behindert. Seine nächste deutliche Äußerung war literarisch: die Legende Der weiße Büffel, die er 1937 bei Lesungen vortrug. 1938 folgte die Verhaftung (Buchenwald 1938).
Die Literaturwissenschaftlerin Leonore Krenzlin hat Wiecherts Weg so beschrieben: Er sei kein Widerständler gewesen, aber rasch zum Widerstehenden geworden. Die beiden Münchner Reden sind die deutlichsten Belege dafür. Nach 1945 wandte er sich mit seiner Rede an die deutsche Jugend erneut an dasselbe Publikum.