Zum Inhalt
Ernst Wiechert

Leben · Werk · Wirkung eines ostpreußischen Erzählers

Buchenwald 1938: Verhaftung, Lager, Goebbels

Aktualisiert am Lesezeit etwa 3 MinutenRubrik: Leben

Im Sommer 1938 wurde einer der erfolgreichsten Schriftsteller Deutschlands zum Häftling Nr. 7188. Die zwei Monate im Konzentrationslager Buchenwald haben Ernst Wiecherts Leben und Werk in ein Davor und ein Danach geteilt.

Eisernes Tor mit dem Schriftzug „Jedem das Seine“
Das Lagertor der Gedenkstätte Buchenwald mit der Inschrift „Jedem das Seine“ · Foto: Martin Kraft, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

Spätestens ab 1934 stand Wiechert unter heimlicher Beobachtung der Gestapo. Seine zweite Rede vor Münchner Studenten im April 1935 hatte klargemacht, dass er sich nicht vereinnahmen ließ. Lesungen wurden durch bestellte Störer behindert; im November 1937 las er in Stuttgart, Bonn, Essen und Köln zum letzten Mal öffentlich, auf Einladung einzelner Buchhändler. In Köln wurde der Beifall für seine Legende Der weiße Büffel so demonstrativ, dass die Gestapo die Veranstaltung unterbrach. Kurz zuvor hatten ihm Hermann Hesse und Max Picard bei einem Besuch in der Schweiz geraten, nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren. Er fuhr trotzdem heim.

Der Anlass: Niemöller und die Volksabstimmung

Im Frühjahr 1938 nahm Wiechert öffentlich Partei für den seit 1937 inhaftierten Pastor Martin Niemöller, eine der führenden Stimmen der Bekennenden Kirche. Außerdem blieb er der Volksabstimmung über den „Anschluss“ Österreichs im April fern. Womöglich spielte auch ein Brief an das Propagandaministerium eine Rolle, in dem er sich über die Behandlung durch die Kulturbehörden beschwert haben soll. Am 8. Mai 1938 wurde er in München verhaftet.

Nach mehreren Wochen im Münchner Polizeigefängnis kam er Anfang Juli in das Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar. Dort trug er die Häftlingsnummer 7188.

Zwei Monate im Lager

Wiechert musste schwere körperliche Arbeit im Freien leisten und erkrankte bald ernsthaft. Er erlebte Schläge, Demütigungen, Strafstehen und Tote. Später beschrieb er, wie ihn Mithäftlinge schützten, darunter politische Gefangene aus der Arbeiterbewegung, denen er als bürgerlicher, konservativer Autor zuvor fremd gegenübergestanden hatte. Sie verschafften ihm leichtere Arbeit in einer Baracke. Diese Erfahrung von Solidarität steht im Zentrum seines Berichts Der Totenwald.

Nach Protesten im In- und Ausland wurde er Ende August 1938 entlassen. Wenige Monate zuvor hatte der Tod Carl von Ossietzkys nach KZ-Haft international Empörung ausgelöst; das Regime wollte offenbar vermeiden, dass ein weiterer bekannter Autor im Lager starb.

Die Drohung

Direkt nach der Entlassung ließ Joseph Goebbels den Schriftsteller nach Berlin bringen. In seinem Tagebuch notierte der Propagandaminister am 30. August 1938, er habe Wiechert eine scharfe Strafrede gehalten, und schloss mit einer Drohung:

Hinter einem neuen Vergehen steht nur die physische Vernichtung. Das wissen wir nun beide.

— Joseph Goebbels, Tagebuch, 30. August 1938

Unmittelbar danach musste Wiechert am ersten Weimarer Dichtertreffen teilnehmen, einer Propagandatagung für die Autoren des Regimes. In seinen Erinnerungen schrieb er später, er habe sich dort als Aushängeschild missbraucht gefühlt, das man vorzeigte, um die Großmut des Staates zu beweisen.

Schreiben unter Aufsicht

Wiechert schwieg öffentlich, schrieb aber. Noch 1938/39 entstand Das einfache Leben, das er selbst als Mittel beschrieb, sich das Erlebte von der Seele zu schreiben. Erst danach brachte er den Lagerbericht zu Papier. Das Manuskript des „Totenwalds“ vergrub er in einem Blechkasten im Garten seines Hofes bei Wolfratshausen, ebenso später den ersten Band der Jerominkinder. Die Notizen und Briefe aus der Haftzeit erschienen 1966 unter dem Titel „Häftling Nr. 7188“.

Heute erinnert die Gedenkstätte Buchenwald an die Häftlinge des Lagers; Wiechert ist einer von vielen, deren Geschichte dort dokumentiert wird. Wie sein Verhalten in diesen Jahren bewertet wird, zeigt das Kapitel Innere Emigration.

Passend dazu