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Ernst Wiechert

Leben · Werk · Wirkung eines ostpreußischen Erzählers

Wiechert und die Innere Emigration

Aktualisiert am Lesezeit etwa 3 MinutenRubrik: Wirkung

Wiechert blieb nach 1933 in Deutschland, veröffentlichte weiter, wurde verhaftet und kam ins KZ. Er gilt als einer der bekanntesten Autoren der Inneren Emigration. Doch was dieser Begriff bedeutet und ob er Wiechert gerecht wird, ist bis heute umstritten.

Unter „Innerer Emigration“ versteht man die Haltung von Schriftstellern, die nach 1933 in Deutschland blieben, sich aber innerlich vom Nationalsozialismus abwandten. Sie schrieben verschlüsselt, zogen sich in historische, religiöse oder naturhafte Stoffe zurück oder schwiegen. Der Begriff ist seit 1945 umkämpft: Emigrierte Autoren wie Thomas Mann bestritten, dass man in Deutschland mit Anstand habe publizieren können. Wiechert steht mitten in diesem Streit.

Was für Wiechert spricht

  • Er hielt 1933 und 1935 öffentliche Reden, die als Warnung vor dem Regime verstanden wurden (Münchner Reden).
  • Er trug 1937 die Legende Der weiße Büffel vor, deren Kritik an Staatsvergötzung unübersehbar war.
  • Er setzte sich 1938 für Martin Niemöller ein, blieb der Volksabstimmung fern und wurde dafür ins KZ Buchenwald gebracht.
  • Er schrieb im Verborgenen den Bericht Der Totenwald und vergrub ihn.
  • Exilautoren wie Carl Zuckmayer hielten ihn für einen der tapfersten Schriftsteller im Land.

Was gegen ihn eingewandt wird

  • In den ersten Monaten nach 1933 zeigte er sich kompromissbereit; bei einer Lesereise nach Skandinavien Ende 1933 lobte er positive Seiten des Regimes.
  • Seine frühen Romane, vor allem „Der Totenwolf“, bedienten völkisches Gedankengut (Die frühen Romane).
  • Seine Opposition blieb moralisch und religiös; eine Analyse der politischen und gesellschaftlichen Ursachen des Nationalsozialismus lieferte er nicht.
  • Sein Werk feiert Land, Wald und einfaches Leben und lehnt Stadt und Moderne ab – Motive, die sich mit der Blut-und-Boden-Literatur berühren, auch wenn Wiechert sie christlich statt völkisch deutet.
  • Nach 1945 sahen Kritiker in seinem Pathos eine Flucht vor der eigentlichen Auseinandersetzung.

Ein differenziertes Bild

Die Literaturwissenschaftlerin Leonore Krenzlin hat eine vielzitierte Formel gefunden: Wiechert sei kein Widerständler gewesen, aber rasch zum Widerstehenden geworden. Er habe es verstanden, den Unmut der vielen Schweigenden zu sammeln, ohne in offene Opposition zu treten – gerade das habe ihn für das Regime so unangenehm gemacht. Nach 1945 sei er dann „zwischen allen Stühlen“ gelandet, den Rechten zu kritisch, den Linken zu unpolitisch.

Heutige Urteile

Die Bewertung schwankt bis heute. 2008 nannte ein Rezensent der Süddeutschen Zeitung den „Totenwald“ das dumme Buch eines guten Menschen – und traf damit die Mischung aus persönlichem Mut und begrenztem Blick, die viele an Wiechert sehen. Andere würdigen, dass er, anders als viele Kollegen, einen persönlichen Preis für seine Haltung zahlte. Die neuere Forschung, etwa die Arbeiten von Leonore Krenzlin, Marcin Gołaszewski oder der Sammelband „Ernst Wiechert im Gespräch“ (2010), bemüht sich um ein genaueres Bild jenseits von Heldenverehrung und Pauschalurteil (Literatur).

Für Leserinnen und Leser heute heißt das: Wiecherts Bücher sind Zeugnisse eines Mannes, der sich nicht vereinnahmen ließ und dafür bezahlte, der aber auch in seinem Denken ein Kind seiner Herkunft und Zeit blieb. Beides gehört zur Lektüre.

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