Die frühen Romane (1916–1926)
Aktualisiert am Lesezeit etwa 3 MinutenRubrik: Werk
Fünf Romane schrieb Wiechert, bevor er seinen eigenen Ton fand. Sie zeigen einen zerrissenen Autor zwischen Kriegstrauma, Stadthass und Todessehnsucht. Später sprach er von einem „unheilvollen Rausch“ und untersagte ihre Einzelausgabe.
Den ersten Roman veröffentlichte Wiechert mitten im Ersten Weltkrieg: „Die Flucht“ erschien 1916 in Berlin, noch unter dem Pseudonym Ernst Barany Bjell. Der junge Studienrat aus Königsberg war zu dieser Zeit Soldat an der Westfront. Schon der Titel benennt ein Motiv, das Wiechert nie mehr loslassen wird: den Ausbruch aus einer Welt, in der man nicht mehr leben will.
Der Wald (1922)
Nach dem Krieg entstand „Der Wald“. Hier treten die Leitmotive in voller Schärfe hervor, die Wiecherts Werk fortan durchziehen: die Einsamkeit und Schwermut der masurischen Wälder, die Erinnerung an die Front, die Verachtung der Städte und ihrer Zivilisation. Der Wald ist in diesem Roman Zuflucht und Gegenwelt, ein Ort, an dem der vom Krieg zerstörte Mensch nach einem neuen Grund sucht.
Der Totenwolf (1924)
„Der Totenwolf“ ist das problematischste Buch Wiecherts. Der Roman spielt mit ausgeprägt antichristlichem, blutrünstig-völkischem Gedankengut und spiegelt die Geisteshaltung der nationalen Rechten in den frühen 1920er Jahren. Gewalt und Kampf werden darin gefeiert, Christentum und bürgerliche Moral als Schwäche verachtet. Wer Wiechert nur als späteren Mahner kennt, ist von diesem Buch zu Recht irritiert.
Literaturhistoriker sehen im „Totenwolf“ eine frühe, bald überwundene Phase: Binnen weniger Jahre wird der völkische Ton von einem christlich geprägten Humanismus abgelöst. Wiechert selbst hat den Roman und „Der Wald“ in seiner Autobiografie „Jahre und Zeiten“ als Spiegelbilder eines Lebens beschrieben, das nach dem Krieg noch keinen neuen Grund gefunden hatte.
„Die Flucht“ will ich nicht mehr auflegen lassen. „Der Totenwolf“ kommt mir vor, als sei er von einem Fremden geschrieben.
Die blauen Schwingen und Andreas Nyland
Die beiden folgenden Romane, „Die blauen Schwingen“ (1925) und „Der Knecht Gottes Andreas Nyland“ (1926), gehören in die Übergangszeit. Besonders „Andreas Nyland“ zeigt, wohin sich Wiecherts Fragen verschieben: Das Buch ist eine Gottsuche in Romanform, schon das vorangestellte Gedicht richtet sich an einen „unbekannten Gott“. Sprachlich bleiben beide Bücher schwer und pathetisch, und auch sie zählen zu den fünf frühen Romanen, die Wiechert später nicht mehr einzeln gedruckt sehen wollte.
Der Weg zum eigenen Ton
Den Wendepunkt markieren die Erzählungen des Bandes Der silberne Wagen (1928) und der Roman Die kleine Passion (1929). In der Abschiedsrede an seine Königsberger Abiturienten 1929 zeigt sich bereits der geläuterte Autor der reifen Jahre. Die Entwicklung vom „Totenwolf“ zum Verfasser des „Totenwalds“ gehört zu den auffälligsten Wandlungen eines deutschen Schriftstellers seiner Generation – und sie erklärt, warum manche Kritiker Wiechert bis heute mit Vorsicht begegnen. Mehr dazu im Kapitel Innere Emigration.
„Die blauen Schwingen“ und „Andreas Nyland“ sind beim Projekt Gutenberg frei lesbar, die übrigen frühen Romane findet man antiquarisch. Wer sie liest, sollte die spätere Distanzierung des Autors im Kopf behalten.