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Ernst Wiechert

Leben · Werk · Wirkung eines ostpreußischen Erzählers

Die kleine Passion

Aktualisiert am Lesezeit etwa 3 MinutenRubrik: Werk

Der Untertitel sagt, worum es geht: die „Geschichte eines Kindes“. Die Passion ist der Leidensweg des Jungen Johannes, der sich gegen Gewalt zu Hause und in der Schule behaupten muss. Der Roman von 1929 markiert Wiecherts Abkehr von den düsteren Frühwerken.

Johannes kommt in einer evangelisch geprägten Gegend im Osten Deutschlands zur Welt. Seine Mutter Gina, eine Bauerntochter, hatte nach einer enttäuschten Liebe den Gerichtssekretär Albert Zerrgiebel geheiratet – eine Entscheidung, die sich als verhängnisvoll erweist. Zerrgiebel ist kleinlich, geizig und gewalttätig, sein Sohn Theodor aus erster Ehe nicht besser. Schon vor der Geburt des Kindes wird deutlich, dass Zerrgiebels erste Frau sich das Leben genommen hat.

Eine Mutter, die sich wehrt

Der Roman ist auch die Geschichte Ginas. Sie wird geschlagen, flieht zu ihrem Vater, kehrt zurück, und beginnt dann, sich zu widersetzen: Sie verweigert Zerrgiebel ihr Geld, zieht mit dem Kind in ein eigenes Zimmer und schließt die Tür von innen ab. Zum ersten Mal fühlt sich der Tyrann unterlegen. Johannes hat von der Mutter das Träumerische und die Zurückhaltung geerbt, aber auch ihren Widerstandsgeist.

Schule als Schlachthaus

In der Dorfschule unterrichtet ein Lehrer, der seine Schüler mit dem Rohrstock traktiert. Johannes muss hundertmal einen demütigenden Satz schreiben und nennt die Schule laut ein „Schlachthaus“. Er beschützt einen schwächeren Mitschüler und freundet sich mit der unglücklichen Frau des Lehrers an. Auf dem Gymnasium der Kreisstadt wiederholt sich das Muster, bis eine resolute Wirtin, bei der Johannes wohnt, dem prügelnden Oberlehrer die Meinung sagt. Ein anderer Lehrer, Professor Luther, erreicht dagegen, was keinem gelang: Er bringt den verschlossenen Jungen zum Sprechen.

Falschgeld und ein neuer Name

In der Kleinstadt kursiert Falschgeld, Diebstähle häufen sich. Johannes entdeckt zufällig, dass sein Stiefbruder der Dieb ist, und zeigt ihn an. Die Ermittlungen führen weiter: Vater und Großvater Zerrgiebel haben im Keller Geld gefälscht. Beide müssen ins Zuchthaus. Johannes und seine Mutter dürfen den Namen Zerrgiebel ablegen und heißen fortan Karsten, nach Ginas Familie. Doch der Makel bleibt: Ein Lehrer jagt Johannes als „Sohn eines Falschmünzers“ aus der Klasse, ein adliger Mitschüler geht solidarisch mit ihm hinaus.

Das Ende

Gegen Ende verstrickt sich der fast erwachsene Johannes in eine Affäre mit der verheirateten Frau eines Arztes und muss die Schule wechseln. Der Roman schließt mit einer bewussten Wendung: Nach dem Abitur will Johannes weder Dichter noch Bauer werden, wie der Leser vielleicht erwartet, sondern Jura studieren. Der Grund ist einfach – Recht soll Recht bleiben auf der Welt.

Einordnung

„Die kleine Passion“ ist Wiecherts erster großer Entwicklungsroman und nimmt vorweg, was er fünfzehn Jahre später in den Jerominkindern breiter entfaltet: ein Kind aus einfachen Verhältnissen, das seinen Weg gegen eine feindliche Umwelt findet und sich für die Gerechtigkeit entscheidet. Die harte Schilderung prügelnder Pädagogen verrät den Blick eines Autors, der selbst fast zwei Jahrzehnte Lehrer war (Lehrer in Königsberg und Berlin).

Das Buch zeigt schon die Stärken und Schwächen der mittleren Werkphase: psychologisch genaue Szenen, eine Mutterfigur von großer Würde, aber auch Schwarz-Weiß-Zeichnung: Den Zerrgiebels gesteht der Roman keine einzige gute Eigenschaft zu. Der Text ist beim Projekt Gutenberg frei lesbar.

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