Die Magd des Jürgen Doskocil
Aktualisiert am Lesezeit etwa 3 MinutenRubrik: Werk
Mit diesem Roman gelang Ernst Wiechert 1932 der Durchbruch. Die Geschichte eines schweigsamen Fährmanns und einer jungen Frau, die für ihr Kind zur Täterin wird, begründete seine Popularität und brachte ihm einen der angesehensten Literaturpreise der Zeit ein.
Jürgen Doskocil ist ein Riese von Gestalt, schweigsam, schwerfällig, von den Kindern verspottet. Er lebt als Fischer und Fährmann an einem Strom tief im ostpreußischen Waldland, in einer Hütte am Ufer, zwischen Moor und Wald. Der Roman beginnt mit dem Tod seiner ersten Frau. Auf dem Sterbebett rechnet sie ihm vor, was er ihr alles schuldig geblieben sei: kein Geschenk vom Markt, kein Tanz, kein Ring. Jürgen hört zu und schweigt. Er weiß, dass alles vorübergeht.
Marte
In einer Sommernacht verirren sich zwei Fremde in den Wäldern: der Kätner Michael Grotjohann und seine Tochter Marte. Der Vater hat sich einem amerikanischen Wanderprediger angeschlossen, MacLean, der in den abgelegenen Dörfern für eine Mormonengemeinde wirbt. Die Familie will nach Amerika auswandern. Jürgen setzt die beiden über, nimmt sie auf, und Marte bleibt schließlich als Magd bei ihm.
Zwischen dem Fährmann und der jungen Frau wächst langsam eine stille, wortkarge Liebe. Als Marte schwanger wird, tritt sie aus der Gemeinschaft der Mormonen aus, bittet den Pfarrer, sie und das Kind wieder in seine Kirche aufzunehmen, und heiratet Jürgen in aller Stille. Für MacLean und seine Anhänger, zu denen ihr eigener Vater gehört, ist sie eine Abtrünnige.
Die Tat
Die Feindschaft wächst; einmal steht nachts eine wütende Menge um das Fährhaus. Marte fürchtet um ihr Kind und um das Leben, das sie sich mit Jürgen aufgebaut hat. Eines Abends tötet sie den Prediger MacLean mit einem Messer. Am nächsten Tag stellt sie sich selbst: Sie nennt ihren Namen, ihren Mann, ihre Tat, ruhig und ohne Ausflucht.
Das Schwurgericht verurteilt sie zu einem Jahr Gefängnis. Ein Gnadengesuch lehnt sie ab; sie habe getötet, um ein Kind zu haben, und eine andere Gnade wolle sie nicht. Jürgen dagegen bittet das Gericht um Gnade für sie.
Warten und Pflügen
Der Schluss gehört dem Fährmann. Jürgen bleibt allein am Strom, mit dem buckligen Helfer Heini und dem Hund. Er denkt an Blumen, die er im Frühjahr pflanzen will, damit Frau und Kind bei ihrer Rückkehr etwas Buntes vorfinden, an einen neuen Anstrich für das Haus. Dann pflügt er mit Heini das kleine Feld am Wald, bis zum Abend, und spürt die kühle Erde unter seinen Füßen. Der Roman endet nicht mit einem Urteil, sondern mit einem Bild von Geduld.
Stil und Wirkung
Wiechert erzählt knapp, in langen, ruhigen Bildern und mit wenig Dialog. Die Sprache ist stark rhythmisiert und bleibt dicht an der Wahrnehmung seines schweigsamen Helden. Gerade diese Verbindung von Schlichtheit und Wucht machte den Roman zum Erfolg. 1932 erhielt Wiechert dafür den Volkspreis für Dichtung der Wilhelm-Raabe-Stiftung in Braunschweig; das Buch wurde vielfach aufgelegt und auch in Blindenschrift übertragen.
Mit der „Magd“ fand Wiechert zu dem Figurentyp, der sein weiteres Werk bestimmt: der einfache, erdverbundene Mensch, dessen Würde sich in Arbeit, Treue und Schweigen zeigt. Man begegnet ihm wieder im Jäger Michael aus Die Majorin, im jungen Dorfhirten der Hirtennovelle und im Köhlersohn Jons aus den Jerominkindern. Den vollständigen Text bietet das Projekt Gutenberg.