Kindheit in Masuren: das Forsthaus Kleinort
Aktualisiert am Lesezeit etwa 3 MinutenRubrik: Leben
Wer Wiecherts Bücher liest, landet fast immer in derselben Landschaft: dunkle Kiefernwälder, Moore, stille Seen und abgelegene Dörfer. Es ist die Welt seiner Kindheit im Süden Ostpreußens.

Ernst Wiechert kam am 18. Mai 1887 im Forsthaus Kleinort zur Welt, einem abgelegenen Dienstsitz im Kreis Sensburg. Sein Vater Emil Martin Wiechert war Förster, die Mutter Henriette stammte aus der Familie Andreae. Ernst war einer von drei Söhnen. Das Haus lag in der Johannisburger Heide, einem der größten zusammenhängenden Waldgebiete Ostpreußens, zwischen Kiefernforsten, Mooren und den Seen der masurischen Platte.
Eine Kindheit im Wald
Die nächsten Nachbarn waren Waldarbeiter, Fischer und kleine Bauern, viele von ihnen Masuren mit eigener Sprache und eigenen Bräuchen. Tiere, Jagd, Holzeinschlag, der Wechsel der Jahreszeiten – das war der Alltag eines Försterkindes, weit entfernt von jeder Stadt.
In seinen Jugenderinnerungen „Wälder und Menschen“ (1936) hat Wiechert diese Jahre später beschrieben, verklärend und doch genau. Er erzählt von den Eltern und den Brüdern, von den Leuten im Revier und von einer Natur, die zugleich Trost und Bedrohung war. Der Wald ist bei ihm nie nur Kulisse. Er ist eine Ordnung, an der die Menschen gemessen werden.
Der Weg nach Königsberg
Mit elf Jahren musste Wiechert die Heimat verlassen. Von 1898 bis 1905 besuchte er die Oberrealschule in Königsberg, der Provinzhauptstadt. Der Wechsel vom Forsthaus in die Großstadt war ein Bruch, den er als Verlust empfand. Das Gegenüber von Stadt und Land, von lärmender Zivilisation und stillem Wald, wird zum Grundmotiv seines ganzen Werks. Es zieht sich von den frühen Romanen bis zu Das einfache Leben, in dem ein Großstädter auf eine masurische Insel flieht.
Die Landschaft als Maßstab
Masuren liefert in Wiecherts Erzählungen mehr als Stimmung. Die Figuren, die er bewundert, sind Hirten, Fischer, Köhler, Förster und Mägde, Menschen mit wenig Besitz, die ihre Arbeit tun und nicht viel reden. Ihr Leben steht gegen die Stadt, gegen Ehrgeiz und gegen das, was er „Phrase“ nannte. Das hat ihm später den Vorwurf eingebracht, eine idealisierte, rückwärtsgewandte Heimat zu beschwören. Zugleich ist die Genauigkeit seiner Naturbilder unbestritten; kaum ein deutscher Erzähler seiner Zeit hat Licht, Wasser und Wald so präzise beschrieben.

Kleinort heute
Das Forsthaus steht noch. Der Ort heißt heute Piersławek und gehört zur Gemeinde Piecki (Peitschendorf) in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren. Schon 1950 wurde am Geburtshaus eine Gedenktafel in polnischer Sprache angebracht, 1996 richtete man dort ein kleines Ernst-Wiechert-Museum ein, 1997 kam eine Tafel in deutscher Sprache hinzu. In Piecki trägt die Gemeindebibliothek seit 2006 seinen Namen. Wie es dazu kam, dass ein deutscher Autor in Polen als Teil des regionalen Kulturerbes gilt, beschreibt das Kapitel Wiechert in Polen.
Wer die Gegend besucht, findet im Umland die Landschaft der Bücher wieder: die Puszcza Piska mit ihren alten Kiefern, Seen wie den Nidzkie und die Krutynia, auf der heute Paddler unterwegs sind. Ein Rundgang zu den Erinnerungsorten verbindet Kleinort mit dem Museum im alten Rathaus von Mrągowo, dem früheren Sensburg.