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Ernst Wiechert

Leben · Werk · Wirkung eines ostpreußischen Erzählers

Das einfache Leben

Aktualisiert am Lesezeit etwa 4 MinutenRubrik: Werk

Ein Korvettenkapitän verlässt Frau, Sohn und Großstadt und wird Fischer auf einer kleinen Insel in Masuren. Wiechert schrieb den Roman unmittelbar nach seiner Haft in Buchenwald. Er wurde sein größter Erfolg – und eines der meistdiskutierten Bücher der Inneren Emigration.

Stiller See im Abendlicht, am anderen Ufer ein dunkler Waldstreifen
Seenlandschaft in Masuren – die Welt, in die Thomas von Orla flieht · Foto: Kgbo, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Wiechert begann das Buch im Sommer 1938, kurz nach der Entlassung aus dem Konzentrationslager. Er hat später gesagt, er habe damit von der Seele gewaschen, was sie beschmutzt und erniedrigt hatte, und noch einmal eine Welt aufgebaut, nachdem die wirkliche zusammengebrochen war. Erst danach war er imstande, den Bericht über die Haft selbst zu schreiben (Der Totenwald). „Das einfache Leben“ ist also auch ein Buch der Genesung.

Die Handlung

Thomas von Orla war Korvettenkapitän der kaiserlichen Marine und hat 1916 in der Skagerrakschlacht gekämpft. Als seine Matrosen 1918 meutern, schießt er nicht auf den Mann, der die Flagge einholt, sondern lässt sich über Bord werfen. Sein Obermatrose Bildermann zieht ihn aus dem Wasser.

Fünf Jahre nach Kriegsende lebt Orla in der Großstadt, verheiratet mit Gloria, die das gesellige Leben liebt. Die Erinnerungen an den Krieg lassen ihn nicht los. Da liest er den 90. Psalm: „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.“ Der Vers trifft ihn wie ein Urteil. Er verlässt die Familie, gibt den Sohn in die Obhut seiner Schwester und geht nach Ostpreußen.

In Masuren findet er Arbeit als Fischer auf einer kleinen Insel, die zum Besitz des alten Generals von Platen gehört. Er verschweigt seinen Adelstitel und nennt sich schlicht Steuermann Orla. Bildermann folgt ihm, die beiden leben in einer Kate auf der Insel. Orla knüpft Beziehungen zum bärbeißigen General und dessen Enkelin Marianne, zum Förster Gruber und zum jungen Grafen Natango Pernein, einem zurückgezogenen Schöngeist. In den Winternächten schreibt er zwei Bücher über die Ethik des Seemanns – und stößt damit auf Widerspruch bei denen, die die Niederlage nicht wahrhaben wollen.

Wendungen

Der Sohn Joachim, ehrgeizig und karrierebewusst, verachtet die Bescheidenheit des Vaters. Gloria kommt todkrank zu Orla, und er pflegt sie bis zu ihrem Tod. Graf Natango wird Opfer eines Aufruhrs der Landbevölkerung und vermacht Orla überraschend den größten Teil seines Besitzes: Schloss, Bibliothek, Laboratorium. Orla forscht, liest und kommt zu dem Schluss, dass das Geschaute größer sei als das Gedachte. Zwischen ihm und der erwachsen gewordenen Marianne entsteht eine Zuneigung, die der Roman lange in der Schwebe hält. Am Ende verzichtet Orla.

Wer einmal die Phrase hinter sich gelassen hat, für den ist der Pflug oder das Ruder oder die Büchse oder der Spaten kein Ersatz, glaube ich, sondern die Wahrheit.

— Ernst Wiechert, Das einfache Leben (1939)

Themen

Zensur und Erfolg

Dass der Roman 1939 überhaupt erscheinen konnte, grenzt an einen Zufall. Zwei NS-Stellen beurteilten ihn gegensätzlich; ein Gutachten der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums vom Sommer 1939 kam zu dem Schluss, das Buch könne nicht empfohlen werden. Wiecherts Gestalten seien von Gedanken überlastet, zergrübelt und „Abseitige ihr Leben lang“. Die ablehnenden Stellungnahmen erreichten den Verlag offenbar nicht rechtzeitig. Das Buch wurde ein Bestseller: Bis 1942 waren rund 260.000 Exemplare verkauft.

Rezeption

Für viele Leser im Krieg war das Buch ein Zufluchtsort. Herbert Wehner nannte es als prägende Lektüre seiner Emigrationsjahre; Helmut und Loki Schmidt erinnerten sich, dass ihnen das einfache Leben in den letzten Kriegsjahren als Idealvorstellung erschien. Wiechert selbst nannte es das einzige seiner Bücher, das „ganz mein“ gewesen sei, und sagte, über kein anderes habe er so viele Dankesbriefe erhalten.

Die Literaturwissenschaft ist kritischer. Man hat dem Roman Eskapismus vorgeworfen, eine Flucht aus der Verantwortung in die Idylle, ein „naturkultisches“ Weltbild und ein Gesellschaftsideal, das mit Demokratie wenig zu tun hat. Andere halten dagegen, dass der Rückzug ins Private 1939 selbst ein politisches Signal war – eine Verweigerung gegenüber der totalen Vereinnahmung durch den Staat. Orla flieht nach dieser Lesart nicht, er orientiert sich neu.

Welche Sicht man auch teilt: „Das einfache Leben“ ist der Schlüssel zu Wiecherts Werk und zum Streit um die Innere Emigration. Den vollständigen Text bietet das Projekt Gutenberg; die Wikipedia fasst die Forschungsdiskussion zusammen.

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