Die Majorin
Aktualisiert am Lesezeit etwa 3 MinutenRubrik: Werk
Eines Abends kommt ein Mann über das Moor, das angeblich niemand durchqueren kann. Sein Name steht auf dem Kriegerdenkmal des Dorfes. „Die Majorin“ (1934) erzählt, wie eine starke Frau einem vom Krieg Entwurzelten hilft, heimzukehren.
Die Titelfigur wird fast nur „die Majorin“ genannt. Sie ist Witwe, ihr Mann, ein Major, ist im Ersten Weltkrieg gefallen; seinen Sarg hat sie selbst aus Frankreich geholt und im Park beigesetzt. Seitdem führt sie das große Gut allein, eine Frau, die Krieg, Russeneinfall, Plünderung und Aufruhr erlebt hat, die zu allen „du“ sagt, die zu ihrem Reich gehören, und die ihre Leute mit fester Hand regiert. Der eigene Sohn lebt in der Ferne und meldet sich vor allem mit Schuldbriefen.
Ein Toter kommt zurück
Eines Abends reitet die Majorin wie so oft an den Rand des Moores, um in den Sonnenuntergang zu sehen. Da sieht sie einen Mann, der quer über das Moor kommt. Es ist Michael Fahrenholz, der Sohn eines Waldbauern aus dem Dorf. Sein Name steht auf dem Denkmal für die Gefallenen; Kameraden hatten ihn tot in Frankreich liegen sehen. Doch er lebt – nach fast zwanzig Jahren Umherziehens, über die er kaum spricht und bei denen er mit bitterem Spott Afrika und ferne Länder erwähnt.
Der Heimkehrer ist innerlich zerrissen. Der alte Vater hält ihn für ein Gespenst, das Dorf begegnet ihm mit Misstrauen, und Michael selbst weiß nicht, ob er bleiben oder wieder fortgehen soll. Die Majorin erkennt, was mit ihm los ist, und bietet ihm eine Stelle als Jäger an. Er soll in einem Blockhaus an einem abgelegenen Waldsee wohnen, wo Kraniche aus der Moorwiese aufsteigen.
Die Heilung durch Arbeit und Nähe
Der Roman erzählt, wie Michael langsam, mit Rückfällen, in ein Leben zurückfindet. Er trinkt, er grübelt, er ist dem Tod näher als den Menschen. Die Majorin kommt immer wieder zum Blockhaus, spricht mit ihm, fordert ihn, schützt ihn vor den „feierlichen Leuten“ aus dem Dorf, die über ihn urteilen wollen. Zwischen den beiden entsteht eine Beziehung, die keinen Namen hat: nicht Liebe im gewöhnlichen Sinn, eher ein Vertrauen zwischen zwei Menschen, die beide vom Krieg gezeichnet sind.
Am Ende steht die Ernte. Die Majorin bindet selbst Garben auf dem Feld, und als Michael zweifelt, ob er in ein leeres Haus einziehen könne, antwortet sie ihm, ein Haus mit einer Mutter sei kein leeres Haus. Sie geht in dieser Nacht allein über die Felder zurück, aus einem Land, in dem man nehmen darf, in eines, in dem man nur geben darf. Aus der Herrin ist eine Mutter geworden.
Einordnung
„Die Majorin“ erschien 1934, im zweiten Jahr der NS-Herrschaft, und passt nicht in deren Heldenbild. Der Soldat ist kein Sieger, sondern ein Beschädigter, und Rettung kommt nicht aus Kampf oder Gemeinschaft, sondern aus Geduld, Arbeit und persönlicher Zuwendung. Der Roman bereitet damit vor, was fünf Jahre später Das einfache Leben ausformuliert: den Rückzug eines Kriegsheimkehrers in die Natur als Suche nach einem wahrhaftigen Leben.
Sprachlich zeigt der Roman Wiechert auf der Höhe seiner mittleren Phase – die Landschaftsbilder sind von großer Intensität, die Dialoge sparsam. Manchen Lesern ist die Stilisierung der Majorin zu einer fast übermenschlichen Gestalt zu viel. Wer die Figur des schweigsamen Einzelgängers mag, sollte den Roman neben Die Magd des Jürgen Doskocil lesen. Der Text ist beim Projekt Gutenberg frei verfügbar.