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Ernst Wiechert

Leben · Werk · Wirkung eines ostpreußischen Erzählers

18. Mai 1887 · Kleinort – 24. August 1950 · Uerikon

Ernst Wiechert

Lehrer in Königsberg, Soldat im Ersten Weltkrieg, in den 1930er Jahren einer der meistgelesenen deutschen Autoren, 1938 Häftling im KZ Buchenwald – und danach ein Schriftsteller, der seine wichtigsten Bücher im Garten vergrub, bis der Krieg vorbei war. Ernst Wiechert hat über Wälder, Seen und einfache Leute in Masuren geschrieben und dabei immer dieselbe Frage gestellt: Wie soll man leben, wenn die Welt aus den Fugen gerät?

Diese Seiten ordnen sein Leben und Werk ein – mit Inhaltsangaben, Hintergründen zu den Reden und einem nüchternen Blick auf eine Rezeption, die zwischen Verehrung und Spott schwankte.

Bleistiftzeichnung: Ernst Wiechert im Halbprofil, 1928
Ernst Wiechert, gezeichnet von Emil Stumpp, 1928 · Bild: Emil Stumpp, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Das Regal

Die wichtigsten Bücher in der Reihenfolge ihres Erscheinens – von den frühen Romanen bis zu den Gedichten aus dem Nachlass.

Jeder Buchrücken führt zu Inhalt, Entstehung und Einordnung des Werks.

Die Lebenslinie

Sechs Orte, dreiundsechzig Jahre: vom Forsthaus in der Johannisburger Heide bis an den Zürichsee.

Lebenslinie Ernst WiechertsSchematische Karte seiner Lebensstationen: Kleinort in Masuren 1887, Königsberg, Berlin 1930, Ambach und Wolfratshausen in Oberbayern, KZ Buchenwald 1938, zuletzt Uerikon am Zürichsee 1948 bis 1950.OstseeJohannisburger HeideKleinort1887Königsberg1905–1930Berlin1930–1933Buchenwald1938Ambach · Wolfratshausen1933–1948Uerikon am Zürichsee1948–1950schematisch, nicht maßstäblich
  1. 1887geboren im Forsthaus Kleinort, Masuren
  2. 1911Studienrat in Königsberg
  3. 1914–18Kriegsdienst an der Westfront
  4. 1930Umzug nach Berlin
  5. 1933freier Schriftsteller in Ambach
  6. 1936Hof Gagert bei Wolfratshausen
  7. 1938Haft im KZ Buchenwald
  8. 1948Übersiedlung an den Zürichsee
  9. 1950gestorben in Uerikon

Drei Zugänge

Wer Wiechert kennenlernen will, kann beim Leben, bei den Büchern oder bei seiner öffentlichen Wirkung beginnen.

I

Das Leben

Vom Forsthaus in Masuren über Schule, Krieg und KZ-Haft bis an den Zürichsee.

II

Das Werk

13 Romane, rund 50 Erzählungen, Märchen, Gedichte und Spiele – die wichtigsten Titel im Einzelnen.

III

Reden und Wirkung

Die Münchner Reden, die Abrechnung von 1945 und ein Nachleben zwischen Kult und Vergessen.

Wer war Ernst Wiechert?

Ernst Wiechert wurde am 18. Mai 1887 im Forsthaus Kleinort im masurischen Kreis Sensburg geboren, als Sohn eines Försters. Die Wälder und Seen seiner Kindheit, die Einsamkeit der Johannisburger Heide und die Menschen, die dort lebten, bilden den Grund fast aller seiner Bücher. Nach dem Studium in Königsberg unterrichtete er ab 1911 als Studienrat am Hufengymnasium, später in Berlin. Mehr dazu im Kapitel Kindheit in Masuren.

Seinen Durchbruch als Schriftsteller erlebte er 1932 mit dem Roman Die Magd des Jürgen Doskocil. Ein Jahr später gab er den Schuldienst auf und lebte fortan als freier Autor in Oberbayern. Seine Bücher erreichten hohe Auflagen, und die neuen Machthaber hätten ihn gern auf ihrer Seite gesehen. Wiechert entzog sich – zunächst zögernd, dann immer deutlicher. In zwei Reden vor Münchner Studenten warnte er 1933 und 1935 davor, dass ein Volk aufhören könne, Recht und Unrecht zu unterscheiden.

Buchenwald und das Schreiben danach

1938 setzte sich Wiechert öffentlich für den inhaftierten Pastor Martin Niemöller ein und blieb der Abstimmung über den „Anschluss“ Österreichs fern. Im Mai wurde er verhaftet und im Sommer für rund zwei Monate im KZ Buchenwald festgehalten. Nach seiner Entlassung ließ ihn Joseph Goebbels persönlich vorführen und drohte ihm mit der „physischen Vernichtung“, falls er sich erneut widersetze.

Wiechert schrieb weiter, aber anders. 1939 erschien Das einfache Leben, der Roman eines Marineoffiziers, der sich als Fischer auf eine masurische Insel zurückzieht – ein Bestseller, trotz ablehnender Gutachten der Zensur. Den Bericht über seine Haft, Der Totenwald, und den ersten Band der Jerominkinder vergrub er in einem Blechkasten im Garten seines Hofes bei Wolfratshausen. Beide erschienen erst nach dem Krieg.

Warum man ihn heute noch liest

Nach 1945 wurde Wiechert zunächst als moralische Stimme gefeiert, seine Rede an die deutsche Jugend im November 1945 füllte das Münchner Schauspielhaus. Doch schon bald spotteten jüngere Autoren über seinen Ton, und 1948 zog er in die Schweiz, wo er 1950 starb. Danach wurde es still um ihn.

Wer heute zu seinen Büchern greift, findet eine Prosa von großer Bildkraft, genaue Naturbeschreibungen und eine ernste, oft schwermütige Frage nach Schuld, Gerechtigkeit und einem Leben ohne Lüge. Man findet aber auch Pathos, Zivilisationsskepsis und ein Heimatbild, das kritische Leser seit Jahrzehnten hinterfragen. Beides gehört zu einem ehrlichen Bild. Der Abschnitt Innere Emigration zeigt, warum Wiechert bis heute umstritten ist – und warum er gerade in Polen, im alten Masuren, als Brückenfigur geschätzt wird (Wiechert in Polen).

Seit dem 1. Januar 2021 sind Wiecherts Werke gemeinfrei; viele davon sind frei im Netz lesbar, etwa beim Projekt Gutenberg. Eine Empfehlung, in welcher Reihenfolge man einsteigen kann, gibt der Lesefolge-Vorschlag.