Rede an die deutsche Jugend (11. November 1945)
Aktualisiert am Lesezeit etwa 2 MinutenRubrik: Reden
Ein halbes Jahr nach Kriegsende sprach Ernst Wiechert im voll besetzten Münchner Schauspielhaus zur deutschen Jugend. Kaum eine öffentliche Äußerung jener Monate rief so heftigen Widerspruch hervor.
Die Rede beginnt mit einem Satz, der im November 1945 wie ein Schlag wirkte: „Wir hatten einmal ein Vaterland, das hieß Deutschland.“ Wiechert spricht von einem Land, das kein Volk von Analphabeten gewesen sei, dessen Geistesgeschichte stolz und dessen Humanität in Goethes Vers „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ aufgehoben schien. Und dann beschreibt er, was aus diesem Land geworden war: ein neues Kreuz, in dessen Balken nicht mehr die alte Botschaft stand – „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid“ –, sondern der Mordruf gegen die Juden.
Die wahren Helden
Der Kern der Rede ist eine Umwertung des Heldenbegriffs. Nicht die Soldaten, die mit Kriegslorbeer aus den eroberten Ländern zurückkehrten, seien die Helden dieser Jahre gewesen:
Die Helden und Märtyrer jener Jahre sind nicht diejenigen, die mit dem Kriegslorbeer aus den eroberten Ländern zurückkehrten. Sie sind diejenigen, die hinter Gittern und Stacheldraht zur Ehre des deutschen Namens starben und verdarben.
Wiechert sprach offen aus, dass er sich über die Niederlage des Dritten Reiches freute. Er forderte Scham, Umkehr und Demut – und er sprach aus der Erfahrung des ehemaligen Häftlings von Buchenwald.
Widerspruch von allen Seiten
Die Rede traf auf ein gespaltenes Publikum. Für den konservativen, noch national denkenden Teil der Kriegsgeneration war die Abrechnung mit dem Heldenbegriff ein Affront. Die Linke wiederum vermisste jede Analyse der wirtschaftlichen und politischen Ursachen des Faschismus; Wiechert erkläre das Unheil moralisch und religiös, nicht gesellschaftlich. Erika Mann kritisierte in einem unveröffentlichten Manuskript, er mache „die menschliche Art“ überhaupt und nicht die Deutschen für die Verbrechen der Lager verantwortlich.
Jüngere Autoren spotteten. Im August 1946 druckte die von Alfred Andersch herausgegebene Zeitschrift „Der Ruf“ eine anonyme Parodie mit dem Titel „500. Rede an die deutsche Jugend … frei nach Ernst Wiechert“. Im Mai 1947 folgte dort unter Pseudonym „Die erste und einzige Rede deutscher Jugend an ihren Dichter“, verfasst von Erich Kuby, der Wiechert als eitlen, weinerlichen alten Mann darstellte.
Nachwirkung
Die Rede wurde gedruckt und viel gelesen, doch sie markiert zugleich den Beginn von Wiecherts Entfremdung vom literarischen Leben der Nachkriegszeit. Weitere Reden folgten 1947 (Reden nach 1945), aber 1948 verließ er Deutschland. Den Weg von der Rede zum Roman zeigt Missa sine nomine, in dem Wiechert dieselben Fragen von Schuld und Neubeginn erzählerisch durchspielt. Der Redetext ist gemeinfrei und im Netz verfügbar, etwa als PDF-Abschrift.