Missa sine nomine
Aktualisiert am Lesezeit etwa 3 MinutenRubrik: Werk
„Messe ohne Namen“ heißt der Titel übersetzt. In seinem letzten Roman, erschienen im Todesjahr 1950, führt Wiechert drei Brüder nach dem Zusammenbruch von 1945 wieder zusammen – einer kommt aus dem Konzentrationslager. Es ist sein Versuch, vom Neuanfang nach der Schuld zu erzählen.
Die drei Freiherren Liljecrona stammen aus dem Osten. Ägidius hat bis zur Flucht das Familiengut bewirtschaftet, Erasmus war General und ist nun im Ruhestand, und Amadeus, der jüngste, kommt direkt aus einem Konzentrationslager. Nach Jahren der Trennung treffen sie sich auf einem alten Schloss der Familie in einer abgelegenen Gegend Westdeutschlands wieder. Dort ist zunächst ein Stab der amerikanischen Armee einquartiert; später beschlagnahmen deutsche Behörden das Haus, um Vertriebene unterzubringen.
Amadeus
Amadeus zieht nicht ins Schloss, sondern mit dem alten Kutscher Christoph in einen abgelegenen Schafstall. Er versucht, in ein ziviles Leben zurückzufinden und seinen Brüdern wieder nahezukommen, merkt aber, dass ihm die einsamen Gänge um das Moor wichtiger sind als Gesellschaft. Ein amerikanischer Offizier, Oberleutnant Kelley, der fließend Deutsch spricht, rät ihm, das Erlittene aufzuschreiben, um es zu verarbeiten – ein Rat, den Wiechert selbst befolgt hatte. Amadeus beginnt zu schreiben.
Barbara
Die Gegenfigur ist Barbara, die etwa achtzehnjährige Tochter des Försters Buschan. Durch den Vater ist sie zur überzeugten Anhängerin des Nationalsozialismus geworden, und sie kann sich nicht eingestehen, getäuscht worden zu sein. Den amerikanischen Siegern begegnet sie mit Hass, den Freiherren mit Verachtung. Sie gerät an einen namenlosen Fremden, der nur „der Dunkle“ genannt wird, einen Gewalttäter, der in Häuser eindringt und mordet. Als er gefasst, verurteilt und gehenkt wird, gibt Barbara Amadeus die Schuld und stiftet junge Leute an, auf ihn zu schießen.
Amadeus liegt verwundet am Waldrand, Barbara setzt sich zu ihm, um ihm beim Sterben zuzusehen. Doch er bringt sie dazu, Hilfe zu holen, und wird gerettet. Von da an beginnt in Barbara eine langsame Wandlung, bei der Amadeus sie begleitet – und durch die auch er sich verändert, hin zu mehr Anteilnahme an den Menschen.
Die anderen Brüder
Parallel verfolgt der Roman die Wege der Brüder. Ägidius wird Verwalter auf einem benachbarten Gut, heiratet die Gutsherrin und wird Vater. Erasmus fällt auf eine Frau herein, die sich als Besitzerin von Zigarrenfabriken ausgibt; nach der Heirat stellt sich ihre Geschichte als erfunden heraus, und sie verschwindet. Am Ende steht die Aussicht auf eine neue Gemeinschaft, auf dem Schloss und am Moor.
Einordnung
„Missa sine nomine“ ist Wiecherts Antwort auf die Frage, die ihn seit der Rede an die deutsche Jugend beschäftigte: Wie kann ein geschlagenes, schuldig gewordenes Volk neu anfangen? Seine Antwort ist nicht politisch, sondern persönlich – Umkehr geschieht in Einzelnen, durch Zuwendung, Geduld und Vergebung. Die Figur des Amadeus trägt Züge des Autors, der selbst im Lager war und das Erlebte im Totenwald aufschrieb. Auffällig ist, dass Wiechert zwei Namen aus der Erzählung „Der Vater“ (Der Todeskandidat, 1934) wieder aufnimmt: Erasmus und Ägidius.
Der Philosoph und Pädagoge Eduard Spranger würdigte den Roman 1951 in einem Beitrag mit dem Titel „Das letzte Werk“. Wer Wiecherts spätere Romane nebeneinander liest, wird die Grundfrage wiedererkennen, die schon Das einfache Leben stellt: wie ein Einzelner nach der Katastrophe wahrhaftig weiterleben kann. Der Roman ist beim Projekt Gutenberg frei lesbar.