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Ernst Wiechert

Leben · Werk · Wirkung eines ostpreußischen Erzählers

Die Märchen

Aktualisiert am Lesezeit etwa 2 MinutenRubrik: Werk

Im letzten Kriegswinter, als ringsum die Städte brannten, begann Ernst Wiechert Märchen zu schreiben. Das Vorwort ist datiert „Hof Gagert, im Juni 1945“. Entstanden ist eine Sammlung von über vierzig Kunstmärchen, die 1946/47 erschien.

Wiechert hat selbst erklärt, für wen er diese Märchen schrieb: für die armen Kinder aller armen Völker – und für das eigene Herz, damit es den Glauben an Wahrheit und Gerechtigkeit nicht verliere. Die Welt des Märchens, heißt es im Vorwort sinngemäß, sei nicht die der Wunder und Zauberer, sondern die der großen und letzten Gerechtigkeit, von der Kinder und Völker aller Zeiten geträumt hätten. Dass die Augen der Kinder wieder leuchten, sei nun Sache der Sieger; seine Sache sei es gewesen, dass ihre Herzen wieder leuchten.

Kunstmärchen, keine Volksmärchen

Wiechert sammelte keine überlieferten Stoffe, wie es die Brüder Grimm getan hatten. Er schrieb eigene Märchen in der Form der alten: mit armen und reichen Brüdern, Königen und Mägden, sprechenden Tieren, Wassermännern, Hexen und dem Tod als Figur. Die Handlungen folgen den vertrauten Mustern von Prüfung, Verwandlung und Lohn, doch ihr eigentliches Thema ist die Gerechtigkeit – dass am Ende die Armen, Treuen und Barmherzigen recht behalten und die Hartherzigen ihren Lohn empfangen.

Eine Auswahl der Titel

Schon die Titel zeigen, wie nah die Märchen an Wiecherts Erzählwelt liegen – an Moor und Wald, an Brot und Armut:

  • Der arme und der reiche Bruder
  • Das Totenbrot
  • Der Vogel „Niemalsmehr“
  • Der Knabe und der Wassermann
  • Der armen Kinder Weihnachten
  • Der Moormann
  • Der ungerechte Richter
  • Die arme Magd
  • Der gute Schäfer
  • Das verlorene Brot
  • Das Mädchen Namenlos
  • Der Todweber
  • Der bezwungene Tod
  • Das ewige Brot
  • Die Weizenähre
  • Der alte Zauberer oder das Ende vom Lied

Zwischen Trost und Erziehung

Die Märchen lassen sich als Kinderbuch lesen, aber sie sind mehr. Sie sind die Antwort eines Schriftstellers, der zwölf Jahre lang nur verschlüsselt sprechen konnte, auf das Ende dieser Zeit: eine Rückkehr zu den einfachsten Formen des Erzählens, in denen Gut und Böse klar geschieden sind. Das macht sie zugleich angreifbar. Wer von Wiechert nach 1945 eine Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung erwartete, fand in den Märchen eher Trost als Analyse. Diese Frage wird im Kapitel Innere Emigration ausführlicher behandelt.

Einige Stoffe hat Wiechert auch für die Bühne bearbeitet; „Der armen Kinder Weihnachten“ erschien 1946 als Schauspiel (Dramen und Gedichte).

Heute lesen

Die Märchen sind vollständig beim Projekt Gutenberg verfügbar. Zum Vorlesen eignen sich besonders die kürzeren Stücke; manche längere Märchen sind in ihrer Düsternis eher etwas für ältere Kinder und Erwachsene. Wer Wiecherts Legende Der weiße Büffel kennt, wird den Ton wiedererkennen: die feierliche, gleichnishafte Sprache, in der die Gerechtigkeit am Ende siegt.

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