Zum Inhalt
Ernst Wiechert

Leben · Werk · Wirkung eines ostpreußischen Erzählers

Der weiße Büffel oder Von der großen Gerechtigkeit

Aktualisiert am Lesezeit etwa 2 MinutenRubrik: Werk

1937 las Wiechert diese Legende bei mehreren Lesungen vor, der Beifall war demonstrativ, die Gestapo griff ein. Gedruckt wurde „Der weiße Büffel“ erst nach dem Krieg. Die Literaturgeschichte sieht darin den Höhepunkt seines literarischen Widerstands.

Wiechert kleidet seine Kritik in ein fernes Gewand. Die Geschichte spielt im alten Indien, in einem Reich, dessen König sich wie ein Gott verehren lässt. Wer sich weigert, das Bild des Herrschers zu grüßen, gilt als Staatsverbrecher. Die Legende erzählt von Menschen, die Gott mehr gehorchen als dem König, die für ihre Weigerung hingerichtet werden – und die am Ende doch über den Herrscher siegen, weil die „große Gerechtigkeit“ stärker ist als seine Macht.

Eine Parabel, die jeder verstand

Die Bezüge zur Gegenwart von 1937 lagen offen: die Vergötzung des Staates und seines Führers, der Totalitätsanspruch der Macht, die Missachtung des Rechts, der erzwungene Gruß. Wiechert nannte keinen Namen und brauchte es nicht. Dass die Geschichte in Indien spielt, gab ihm einen Rest an Deckung; verstanden wurde sie trotzdem.

Die Lesungen von 1937

Wiechert trug die Legende bei mehreren öffentlichen Lesungen vor. Im November 1937 las er – eingeladen von einzelnen Buchhändlern – ein letztes Mal in Stuttgart, Bonn, Essen und Köln. In Köln wurde am 18. November so demonstrativ Beifall geklatscht, dass die Gestapo die Veranstaltung unterbrach; auch andere Lesungen wurden gestört. Die Kölnische Zeitung schrieb, im Saal habe eine „beklommene Spannung“ geherrscht, und nannte Wiechert einen Dichter, der die Frage stelle, die alle bewege: Wie sollen wir leben?

Die Stellung im Werk

Die Legende steht zwischen den Münchner Reden von 1933 und 1935 und der Haft von 1938. Sie ist das deutlichste Stück Widerstand, das Wiechert als Erzähler gewagt hat – nicht in Form eines politischen Aufrufs, sondern als moralische Fabel. Das entspricht seinem Selbstverständnis: Er sah sich nicht als politischen Kämpfer, sondern als jemanden, der an Gewissen und Gottesfurcht erinnerte.

Kritiker haben später darauf hingewiesen, dass gerade diese Form der Opposition ihre Grenzen hatte. Sie konnte ermutigen und trösten, aber keine Analyse und keine Handlungsanleitung liefern. Mehr dazu im Kapitel Innere Emigration.

Heute lesen

Die Legende ist kurz und lässt sich an einem Abend lesen. Heute wirkt ihr feierlicher, biblisch getönter Stil fremd, doch die Frage, was ein Einzelner einem Staat schuldet, der sich selbst vergöttert, hat nichts von ihrer Schärfe verloren. Eine Taschenbuchausgabe erschien 1991 zusammen mit der Hirtennovelle. Wer die Haltung Wiecherts in diesen Jahren verstehen will, sollte beides lesen: die Legende und den späteren Bericht Der Totenwald, der zeigt, was auf solchen Widerspruch folgen konnte.

Passend dazu