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Ernst Wiechert

Leben · Werk · Wirkung eines ostpreußischen Erzählers

Der Totenwald. Ein Bericht

Aktualisiert am Lesezeit etwa 3 MinutenRubrik: Werk

„Totenwald“ nennt Wiechert das Lager Buchenwald. Ende 1939 schrieb er seinen Bericht über die Haft nieder, vergrub das Manuskript und veröffentlichte es 1946 in Zürich. Es ist bis heute sein bekanntestes Werk, übersetzt in viele Sprachen – und umstritten wie kaum ein anderes.

Wiechert erzählt nicht in der Ich-Form. Sein Held heißt Johannes, ein bürgerlicher Intellektueller und Weltkriegsteilnehmer, der im Frühjahr 1938 gegen die Verschleppung eines Pfarrers „in ein Lager“ die Stimme erhebt. Dass Johannes für Wiechert selbst steht und der Pfarrer für Martin Niemöller, ist offensichtlich. Die Verfremdung schafft Abstand – zu sich selbst und zum Erlebten.

Vom Verhör ins Lager

Der Bericht beginnt mit der Hausdurchsuchung: Drei Gestapo-Männer durchwühlen stundenlang das Arbeitszimmer, Johannes darf den Raum nicht verlassen. Es folgen Wochen im Münchner Gefängnis, Verhöre, die nach der „Gesinnung“ forschen, und ein Haftbefehl wegen „betont staatsfeindlicher Gesinnung“. Ein Kulturfunktionär legt ihm nahe, sich an Baldur von Schirach ein poetisches Vorbild zu nehmen, und bedauert dann, dass die Einweisung in ein Konzentrationslager nicht zu vermeiden sei.

Anfang Juli 1938 geht die Fahrt über Hof, Leipzig und Halle nach Weimar. Der Name „Buchenwald“ hat für Johannes zunächst schön geklungen, der Ettersberg erinnert ihn an Goethe. Die Ernüchterung folgt sofort: Beschimpfungen, Drohungen mit Erschießung, das Scheren der Haare, die Prügelstrafe „über den Bock“ als Lehrstück für die Neuen.

Solidarität im Lager

Johannes muss schwere Arbeit im Freien leisten und wird krank. In dieser Lage erfährt er, was ihn am meisten erschüttert und zugleich trägt: die Solidarität der Mithäftlinge. Der Schlosser Josef, früher Straßenbahnführer in Saarbrücken und als „Hochverräter“ seit Jahren in Lagern, verschafft ihm leichtere Arbeit in einer Baracke. Johannes lernt Kommunisten kennen und achten, unter ihnen Walter Husemann – Menschen, denen er als konservativer Bürger vorher fremd gegenüberstand.

Nach rund zwei Monaten wird Johannes entlassen. Auf dem Weg in die Freiheit muss er beim „Propagandaminister“ vorsprechen, der ihm droht, ein zweites Mal werde er ein Lager nicht lebend verlassen – eine Szene, die durch Goebbels’ eigene Tagebucheinträge vom August 1938 belegt ist.

Bericht oder Anklage?

Der Untertitel lautet „Ein Bericht“, und an Fakten fehlt es nicht. Trotzdem ist der Text mehr Anklage und Bekenntnis als Dokumentation. Die Sprache lehnt sich an die Bibel an, der Ton ist feierlich, das Leiden wird gedeutet und überhöht. In seinem Nachwort betonte Wiechert, das Buch enthalte die reine Wahrheit, sei aber zugleich eine Verwandlung der Wirklichkeit in die höhere Wahrheit der Kunst.

Entstehung und Veröffentlichung

Wiechert schrieb den Bericht Ende 1939, nachdem er mit Das einfache Leben das Erlebte zunächst in eine andere Welt verwandelt hatte. Das Manuskript vergrub er in einem Blechkasten im Garten des Hofes Gagert. 1946 erschien es beim Rascher Verlag in Zürich und im selben Jahr bei Kurt Desch in München. Vom Erlös der Erstausgabe stiftete Wiechert drei Glocken für die katholische Kirche St. Michael in Degerndorf bei Münsing.

Rezeption

Das Buch wurde schnell übersetzt, unter anderem ins Englische, Französische, Polnische und Japanische. Die Reaktionen waren gespalten. Reinhold Schneider schrieb 1951, man werde Wiechert immer dankbar sein müssen, dass er den Weg nach Buchenwald gegangen sei. Max Frisch dagegen sah in dem Buch eine „Ausflucht ins Pathos“. Der sowjetische Germanist Ilja Fradkin würdigte später gerade die Schilderung der kommunistischen Mithäftlinge als Sieg der Redlichkeit über politische Vorurteile.

Bei der Neuausgabe 2008 fiel das Urteil in der Süddeutschen Zeitung hart aus: Der Rezensent Andreas Dorschel warf Wiechert vor, trotz allem an einem idealisierten Deutschland festzuhalten und das Böse als etwas „Undeutsches“ zu erklären; er nannte den „Totenwald“ das dumme Buch eines guten Menschen. Dieser Streit zeigt, warum der Bericht bis heute gelesen wird – als Zeugnis eines Häftlings und als Dokument für die Denkweise der Inneren Emigration.

Der Text ist gemeinfrei und beim Projekt Gutenberg lesbar. Zum historischen Hintergrund informiert die Gedenkstätte Buchenwald.

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