Die Jerominkinder
Aktualisiert am Lesezeit etwa 3 MinutenRubrik: Werk
Wiecherts umfangreichster Roman erzählt die Geschichte eines Dorfes und eines Jungen, der als Erster von dort eine höhere Schule und eine Universität besucht. Den ersten Band schrieb er 1940/41 und vergrub das Manuskript im Garten; erschienen sind die beiden Bände 1945 und 1947.

Sowirog ist ein armes Dorf in den masurischen Wäldern, bewohnt von Köhlern, Waldarbeitern, kleinen Bauern und Tagelöhnern. Hier wächst Jons Ehrenreich Jeromin auf, Sohn des Köhlers Jakob Jeromin und seiner Frau Marthe. Den zweiten Vornamen hat ihm die Mutter gegeben; im Dorf schüttelt man den Kopf darüber, und Jons selbst schämt sich des feierlichen Namens. Der Vater meint, man solle einen solchen Namen lieber bei der Beerdigung vergeben als bei der Taufe – wer wisse schon, ob er am Ende seines Lebens „Ehrenreich“ heißen werde.
Ein Weg aus dem Dorf
Eine wichtige Figur für den Jungen ist der alte Dorflehrer Stilling. Jons darf als erster Junge aus Sowirog aufs Gymnasium in die Stadt, später an die Universität. Der Roman verfolgt seinen Werdegang als Bildungsroman in klassischer Tradition: die Fremdheit in der Stadt, die Pension voller junger Männer, die Freundschaften, die Zweifel, die ersten Begegnungen mit Wissenschaft und Macht. Zugleich erzählt Wiechert die Geschichte des Dorfes, das bei aller Abgeschiedenheit den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts nicht entgeht, allen voran dem Ersten Weltkrieg.
Die Rückkehr
Jons wird Arzt. Eine glänzende Laufbahn in der Stadt stünde ihm offen. Er schlägt sie aus und kehrt als Armenarzt nach Sowirog zurück. In dieser Entscheidung erfüllt sich, was Wiechert als Hoffnung über das Buch stellt: dass die Menschen „die Gerechtigkeit auf den Acker bringen“ mögen, frei nach dem Propheten Jesaja (32,16). Die Rückkehr ist keine Flucht aus der Welt wie bei Thomas von Orla in Das einfache Leben, sondern ein Dienst an den Ärmsten.
Der Schatten des Krieges
Der Roman endet nicht versöhnt. Die Bewohner von Sowirog sehen mit Bangen einer düsteren Zukunft entgegen; der Schluss öffnet den Blick auf die Verheerungen des kommenden Krieges. Als der zweite Band 1947 erschien, wussten die Leser, was aus Masuren geworden war: Flucht, Vertreibung, eine untergegangene Welt. Der Roman wurde so auch zu einem Erinnerungsbuch für die Heimat, die es nicht mehr gab.
Figuren und Motive
Wie schon in Die kleine Passion steht ein begabtes Kind aus kleinen Verhältnissen im Mittelpunkt, das sich für Gerechtigkeit entscheidet. Doch „Die Jerominkinder“ sind breiter angelegt: Der Roman ist zugleich Dorfchronik, Familiengeschichte und Zeitbild. Neben Jons treten der wortkarge Vater, dessen Bild vom Leben als „Fallholz“ und „Rauch aus dem Meiler“ den Ton setzt, die ernste Mutter, der Lehrer Stilling und viele Dorfbewohner mit eigenem Schicksal.
Bedeutung
Viele Leser halten „Die Jerominkinder“ für Wiecherts reifstes Werk. Der Roman verbindet die Naturbilder der frühen Bücher mit der ethischen Klarheit der späten Jahre und erzählt von einer Welt, die der Autor selbst kannte (Kindheit in Masuren). Er wurde unter anderem ins Polnische übersetzt und in Blindenschrift übertragen. Beide Bände sind beim Projekt Gutenberg frei lesbar – mit mehreren hundert Seiten je Band eine Lektüre für lange Winterabende.