Hirtennovelle
Aktualisiert am Lesezeit etwa 3 MinutenRubrik: Werk
Kaum eine Erzählung Wiecherts ist so geschlossen wie diese. Sie beginnt mit dem Tod eines Vaters und endet am Grab eines Sohnes – und dazwischen liegt das kurze Leben eines Hirtenjungen, der Verantwortung ernster nimmt als alle Erwachsenen um ihn herum.
Die Erzählung beginnt mit einem Unglück: Ein stürzender Baum erschlägt Michaels Vater an einem Sommermittag. Der Junge wächst mit der Mutter in einem kleinen Moordorf auf, als ärmstes Kind der Gemeinde. Der Lehrer trägt ihn ins Klassenbuch ein als „Michael, einer Witwe Sohn“. Doch was er wirklich braucht, lernt Michael draußen. Er wird geschickt, still und so ernst, dass die anderen Jungen ihn achten.
Der Hirte
Mit zwölf Jahren übernimmt Michael das Amt des Dorfhirten. Ihm ist das gesamte Vieh der Gemeinde anvertraut, sogar der Stier des Dorfschulzen. Er geht ohne Angst an diese Aufgabe, aber mit einem klaren Gefühl für seine Verantwortung. Als ein älterer Hirte aus dem Nachbardorf seine Herde in den Gemeindewald treiben will, besiegt Michael ihn im Zweikampf mit der Schleuder – und erzählt niemandem davon. Die Anspielung auf David und Goliat ist deutlich.
Die Söhne der reichen Bauern suchen ihn gern im Wald auf, auch später noch, als sie auf höhere Schulen in der Stadt gehen, und beneiden ihn heimlich um sein Leben. Nur einmal gerät Michaels Welt ins Wanken: Eine Malerin kommt ins Dorf, zeichnet ihn und macht ihm Avancen. Michael zerreißt das Bild, das sie von ihm gemalt hat, und sie reist ab.
Krieg im Moor
Dann kommt der Krieg, und der Feind steht bald vor dem Dorf. Michael führt Menschen und Vieh an einen verborgenen Ort tief im Wald, und die ratlosen Dorfbewohner folgen ihm. Da reißt sich ein Lamm los und läuft auf die offene Heide, wo sich drei feindliche Reiter nähern. Michael läuft ihm nach und fängt es ein. Die Reiter wollen ihm nichts tun; sie verlangen nur das Lamm. Michael verteidigt es und wird getötet. Das Dorf und seine Herde sind gerettet.
Am Grab spricht der Lehrer. Michael, sagt er, sei nicht für Vaterland oder Kaiser gefallen, sondern für das Lamm des armen Mannes, von dem die Bibel erzählt. Keinem Hirten könne Größeres beschieden sein als der Tod für das Geringste seiner Herde.
Einordnung
Die „Hirtennovelle“ ist ein typisches Werk der mittleren Jahre: formal geschlossen, sprachlich ausgefeilt, voller Naturbilder und getragen vom Lob des einfachen Lebens. Die Erzählung verherrlicht die Natur und das Dorf in einer romantisierenden, fast mystischen Weise. Doch sie unterscheidet sich von der Blut-und-Boden-Literatur jener Jahre durch ihre christliche Sinngebung. Wenn der Lehrer am Grab ausdrücklich sagt, der Junge sei nicht für das Vaterland gestorben, ist das 1935 eine deutliche Absage an den Heldenkult des Regimes.
Ganz frei von Patriotismus ist die Grabrede allerdings nicht: Sie endet mit der Hoffnung, die Seele dieses Hirten möge über dem ganzen Vaterland leben. Diese Mischung aus christlicher Demut und Heimatliebe ist charakteristisch für Wiechert – und einer der Gründe, warum seine Stellung in der NS-Zeit bis heute unterschiedlich beurteilt wird (Innere Emigration).
Nach dem Krieg erschien die „Hirtennovelle“ auch in Jugendausgaben, etwa 1947 in einer Erzählauswahl der „Bücherei der Jugend“, und 1991 zusammen mit der Legende Der weiße Büffel in einem Band. Übersetzungen erschienen 1942 in Italien und 1946 in Frankreich, eine neue französische Ausgabe 2022.