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Ernst Wiechert

Leben · Werk · Wirkung eines ostpreußischen Erzählers

Das heilige Jahr

Aktualisiert am Lesezeit etwa 3 MinutenRubrik: Werk

Fünf Novellen, fünf Feste: Wiechert ordnet diesen Band von 1936 nach dem Kirchenjahr, von Heilige Drei Könige bis Weihnachten. Zwei der Geschichten erzählen vom Krieg, eine spielt an der Wolga, und die erste wurde 1954 verfilmt.

Im Vorwort erklärt Wiechert den Titel: Er spiele auf das Kirchenjahr an, auf seine Beter und seine Heiligen. Jede der fünf Novellen ist einem Fest zugeordnet. Das gibt dem schmalen Band eine Ordnung, die über die einzelnen Geschichten hinausweist – ein Jahr, in dem Geburt, Tod und Schuld ihren Platz haben. Zwei der Erzählungen, „Veronika“ und „Die Pfingsten des Musketiers Wiedegang“, sind ausdrücklich Antikriegsgeschichten.

Regina Amstetten – Heilige Drei Könige

Die 47-jährige Bäuerin Regina Amstetten führt seit dem Tod ihres Mannes zehn Jahre lang allein den Hof. Zwei ihrer drei erwachsenen Söhne machen in der Stadt Karriere, der jüngste ist studierter Landwirt. Nun ist Regina schwanger – von einem Landstreicher, der sich als Student ausgegeben hatte und verschwunden ist, als er von dem Kind erfuhr. Sie bereut nichts, aber sie fürchtet die Söhne.

Ein Arzt in der Stadt böte einen legalen Abbruch an; Regina lehnt nach kurzem Zögern ab. Als die Söhne zu Weihnachten kommen, reagieren sie, wie sie es erwartet hat: mit Scham und Vorwürfen. Den Hof hat sie bereits dem Jüngsten überschrieben. Am Dreikönigstag bringt sie ihren vierten Sohn zur Welt und findet als Großmagd Arbeit bei einem stillen Nachbarn, der sie in jungen Jahren einmal begehrt hatte.

Veronika – Fastnacht

Ein Ich-Erzähler erinnert sich an Tante Veronika, die ihm als Kind prophezeite, er werde Dichter, und ihm ein geheimnisvolles Zauberwort mitgab. Zehn Jahre später, wieder zur Fastnacht, liegt er im Krieg im Wald von Saint-Pierre-Vaast. Ein junger Maler aus seiner Einheit, von einem Vorgesetzten zum Spaß als Narr kostümiert, wird tödlich getroffen, und der Erzähler hilft ihm mit Veronikas Wort und einem Märchen beim Sterben.

Der einfache Tod – Ostern

Ostern an der Wolga: Der alte Bauer Wladimir liegt im Sterben, aber er findet keine Ruhe. Die Fliege an der Wand stört ihn, der Osterkuchen duftet nicht richtig, die jungen Leute vom Dorfsowjet fahren mit dem Traktor über den Acker. Schließlich begreift er, was ihm fehlt: Ein Bauer kann nicht unter einem Dach sterben. Nachts schleppt er sich hinaus, sieht die Sterne, geht hinab an den Strom und stirbt dort im ersten Licht der Sonne.

Die Pfingsten des Musketiers Wiedegang – Pfingsten

Pfingsten 1918 an der Front. Der Musketier Wiedegang war einmal Pfarrer, hat aber das Amt niedergelegt, als seine Frau im Kindbett starb und das erhoffte Wunder ausblieb. Beim Angriff am ersten Feiertag hilft er einem schwer verwundeten Unteroffizier und wird selbst getroffen. Die Kameraden begraben ihn ohne Pfarrer, in Eile, unter dem dampfenden Feuer der Hügel.

Die Magd – Weihnachten

Im Spätherbst wird eine schwangere Magd vom Hof gejagt; der Sohn der Bauern ist der Vater. Auf ihrem Weg in die Winternacht klopft sie beim Pfarrer an, der gerade feiert. Sie will sterben, aber das Kind soll vorher getauft werden. Der Pfarrer weist sie ab. Im Saal wird ein Krippenspiel aufgeführt; die Magd drängt nach vorn, kniet vor der Bühne nieder und betet. Erst nach einer Weile begreifen die Gäste, dass sie nicht zum Spiel gehört. Sie geht, und niemand hält sie auf.

Einordnung

„Das heilige Jahr“ zeigt Wiecherts Blick für Menschen am Rand: eine alternde Bäuerin mit einem unehelichen Kind, eine verstoßene Magd, einen sterbenden russischen Bauern. Die Kirche erscheint nicht als Trost, sondern als Institution, die versagt – der Pfarrer schickt die Magd fort. Gnade kommt bei Wiechert eher von unten, von den Einfachen.

Die starke, allein wirtschaftende Frau kennt man aus Die Majorin; die Kriegsnovellen setzen fort, was Der Todeskandidat 1934 begonnen hatte. Alle fünf Texte sind beim Projekt Gutenberg frei lesbar.

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