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Ernst Wiechert

Leben · Werk · Wirkung eines ostpreußischen Erzählers

Wälder und Menschen · Jahre und Zeiten

Aktualisiert am Lesezeit etwa 3 MinutenRubrik: Werk

Zweimal hat Ernst Wiechert sein Leben erzählt: 1936 die Kindheit im Forsthaus, nach dem Krieg die Jahre danach bis zur Haft und zum Zusammenbruch. Die beiden Bände sind die wichtigste Quelle zu seiner Biografie – und selbst literarische Werke, die man mit Vorsicht lesen sollte.

Stiller See im Abendlicht, Wald als dunkle Silhouette am anderen Ufer
Abendstimmung an einem See im Masurischen Seengebiet · Foto: Kgbo, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Wälder und Menschen (1936)

Der erste Band beschreibt die Jahre im Forsthaus Kleinort bis zum Abschied in die Stadt. Wiechert schrieb ihn als freier Schriftsteller in Ambach am Starnberger See; das Vorwort ist auf Januar 1936 datiert. Er beginnt mit einem Bild, das den Ton des ganzen Buches bestimmt: Bei Lesungen in großen Sälen, erzählt er, sehe er manchmal am Ende des Mittelgangs sich selbst als Kind stehen, barfuß, mit einem Hirtenstab, und begreife den ungeheuren Abstand zwischen Anfang und Gegenwart.

Dann folgt eine genaue, liebevolle Beschreibung der Kinderwelt: der Großvater, den er nie kannte und der in der Johannisburger Heide Wasserjagden gepachtet hatte, die wortkarge Großmutter, das Forsthaus mit seinem kleinen Garten aus alten Obstbäumen, Fichten und Flieder, rund sechzig Morgen Feld, der See hinter den sumpfigen Wiesen und das Dörfchen Kleinort mit seinen drei, vier Gehöften. Hinter allem steht die „Mauer des Hochwaldes“. Wiechert erzählt von Eltern und Brüdern, von Förstern und Waldarbeitern, von Tieren und Jahreszeiten.

Das letzte Kapitel springt in die Gegenwart des Erzählers: Vor seinem Umzug ins Alpenvorland kehrt er nach fünfundzwanzig Jahren noch einmal in die Heimat zurück, übernachtet in einem kleinen Haus an der Krutynia (Cruttinna), besucht das Grab der Großeltern und steht unter der Birke seiner Kindheit. Er fährt zurück mit dem Gefühl, dass nichts verloren ist, was einmal Anfang war.

Jahre und Zeiten (1949)

Der zweite Band, nach dem Krieg erschienen, erzählt die Jahre danach: die Schule in Königsberg, Studium und Lehrerberuf, den Ersten Weltkrieg, die Ehen, die Verluste, die ersten Bücher, den Erfolg, die Reden, die Verhaftung, Buchenwald und die Zeit unter Aufsicht bis 1945. Der Ton ist anders als im Kinderbuch – bitterer, rechtfertigender, oft schwermütig.

Einige Passagen sind für die Forschung besonders wichtig. Über die frühen Romane „Der Wald“ und „Der Totenwolf“ urteilt Wiechert hart; er nennt sie einen „unheilvollen Rausch“ und Spiegelbilder eines Lebens, das nach dem Krieg noch keinen neuen Grund gefunden hatte (Die frühen Romane). Und über das Weimarer Dichtertreffen von 1938, an dem er nach seiner Entlassung aus Buchenwald teilnehmen musste, schreibt er, man habe ihn als „Plakat“ benutzt, das man aushängen konnte, damit jeder die Großmut des Dritten Reiches sehe (Buchenwald 1938).

Warum diese Bände lesen

„Wälder und Menschen“ ist der beste Einstieg in Wiecherts Welt für alle, die wissen wollen, woher die Wälder, Seen und schweigsamen Menschen seiner Romane kommen. Man erkennt Szenen wieder, die später in Das einfache Leben oder den Jerominkindern verwandelt auftauchen. „Jahre und Zeiten“ ist unverzichtbar, um seine Haltung in der NS-Zeit aus seiner eigenen Sicht zu verstehen – und um zu sehen, wie er selbst seine Rolle nach 1945 verstand.

„Wälder und Menschen“ ist beim Projekt Gutenberg frei lesbar; „Jahre und Zeiten“ findet man antiquarisch in den Werkausgaben.

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