Der silberne Wagen
Aktualisiert am Lesezeit etwa 3 MinutenRubrik: Werk
Sieben Erzählungen, entstanden ab 1922, erschienen 1928 in Berlin. Mit Ausnahme der ersten spielen alle vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs und seiner Folgen. Der Band gilt als Beginn von Wiecherts reifer Prosa.
Nach den überhitzten frühen Romanen wirkt dieser Band wie ein Atemholen. Die Sprache ist ruhiger, die Figuren sind genauer gesehen, und an die Stelle der Gewaltbilder tritt die Frage nach Schuld und Umkehr. Die Erzählungen sind unterschiedlich lang und unterschiedlich gelungen; zusammen zeigen sie, wie breit Wiecherts Themen Ende der 1920er Jahre schon waren.
Der silberne Wagen
Die Titelgeschichte handelt von Hermann Gieseking, einem 45-jährigen preußischen Staatssekretär, dem ein Karrieresprung winkt. Mit seiner Verlobten fährt er in die Waldheimat im Osten. Sein Minister gibt ihm spöttisch mit auf den Weg, er solle dort nur „in einem silbernen Wagen“ vorfahren. Doch die Einsamkeit der Wälder bringt Gieseking keine Ruhe. Auf der Rückfahrt besucht er Lisa, eine arme Witwe, die er einst als junger Landrat sitzenlassen hatte – ihr ältester Sohn ist sein Kind. Die Begegnung zwingt ihn nicht zur Umkehr, wohl aber zur Einkehr. Am Ende zerreißt er das Foto seiner Verlobten.
Geschichte eines Knaben
Percy Schurmann wird auf Java geboren und wächst bei einer malaiischen Kinderfrau auf, bis der Vater nach dem Krieg Stellung und Vermögen verliert und mit ihm nach Ostpreußen zurückkehrt. Der Junge findet schwer in die neue Welt, verliebt sich in eine junge Klavierlehrerin und erkrankt. Die Geschichte endet mit seinem Tod im Tropenhaus eines Freundes – eine der dunkelsten Erzählungen des Bandes.
Die Legende vom letzten Wald
Eine kurze Parabel: Holzfäller feiern, dass nach dem Krieg der letzte deutsche Wald gefällt werden soll. Ein fremder Wanderer mahnt sie und wird geschlagen. Als sie den Wald schlagen, waten sie im Blut; der Fremde geht unbefleckt hindurch, und mit ihm erlischt das Leben ringsum. Wiecherts Naturfrömmigkeit und seine Zivilisationskritik verdichten sich hier zur Legende.
Die Schmerzensreiche
Irene, in der Waldeinsamkeit aufgewachsen, folgt ihrem Mann Günther in die Ehe, die lange kinderlos bleibt. Als sie mitten im Krieg schwanger wird, spürt sie, dass die Sorge um Mann und Kind zugleich ihre Kraft übersteigt. Das Kind kommt tot zur Welt, und Günther nimmt die Schuld auf sich – für ihn tötet der Krieg „Mann, Frau und Kind“.
Der Kinderkreuzzug
Die bekannteste Erzählung des Bandes: Gegen Kriegsende zieht der Bergmannssohn Jürgen Hamborn mit seinen Geschwistern und einigen hungernden Stadtkindern zum Hof des Großvaters, um „Brot zu holen“. Der Konfirmandenunterricht hat ihm von den mittelalterlichen Kinderkreuzzügen ins Gelobte Land erzählt; für ihn liegt dieses Land dort, wo sechs Kühe im Stall stehen. Der Großvater weist die Kinder als „Vagabunden“ ab. Ein kriegsversehrter Schafhirte nimmt sie heimlich auf, versorgt sie und sorgt mit dem Pfarrer für ihre Heimkehr. Der Mutter erzählt Jürgen, er habe das Gelobte Land gesehen.
Die Geschichte fand später einen ungewöhnlichen Weg: 1943 wurde sie in den „Deutschen Blättern“ abgedruckt, einer deutschsprachigen Exilzeitschrift in Santiago de Chile.
Der Wolf und sein Bruder
In einem ostpreußischen Dorf reißt ein Wolf das Vieh. Parallel erzählt Wiechert vom Kriegsheimkehrer Wander, einem Fremden, der nach Jahren in sibirischer Gefangenschaft im Dorf hängen bleibt und von den Bauern gemieden wird. Er fühlt sich dem gejagten Tier näher als den Menschen. Als die Bauern den Wolf erschießen, begräbt Wander ihn und nimmt sich das Leben.
Die Flucht ins Ewige
Nach einer Flandernschlacht überlebt der Kanonier Michael Anders als Einziger seiner Batterie. Eine junge flämische Bäuerin pflegt ihn gesund, er bestellt ihren Acker, die beiden lieben sich, und sie bekommt einen Sohn, den sie Oogst nennen – „Ernte“. Nach dem Waffenstillstand zieht Michael mit dem Kind nach Hause. Die Erzählung ist die hoffnungsvollste des Bandes.
Wer den Band mit späteren Sammlungen vergleichen möchte, findet in Der Todeskandidat (1934) und Das heilige Jahr (1936) dieselben Motive in knapperer Form.