Der Todeskandidat
Aktualisiert am Lesezeit etwa 3 MinutenRubrik: Werk
Drei kurze Erzählungen, 1934 in München erschienen, alle an der deutsch-französischen Front des Ersten Weltkriegs angesiedelt. Mitten in einer Zeit, die den Krieg wieder zu verklären begann, erzählt Wiechert von Tod, Scham und leiser Menschlichkeit.
Wiechert war selbst Soldat an der Westfront, zweimal verwundet, und hat den Krieg sein Leben lang als Wunde behandelt. In diesem schmalen Band erzählt er davon ohne Schlachtengemälde. Die Geschichten sind kurz, beinahe karg, und jede läuft auf eine einzige Geste zu.
Der Todeskandidat
Der Ich-Erzähler trauert um seinen früheren Lehrer Heinrich Georgesohn, der am 17. Oktober 1918 vor Le Cateau gefallen ist. Im Jahr 1899 hatten ihn die Schüler eines Gymnasiums in einer kleinen Stadt an der Memel gnadenlos gequält und „Todeskandidat“ genannt. Georgesohn setzte sich nicht zur Wehr, gab den Lehrerberuf auf und studierte noch Theologie.
1916 treffen der Erzähler und drei ehemalige Mitschüler an der Somme als Unteroffiziere auf ihn – er ist jetzt ihr Kompanieführer. Alle wissen, was damals geschah; keiner spricht es aus. Georgesohn nutzt seine Macht nicht aus und rächt sich nicht. Er betet das Vaterunser für einen gefallenen früheren Peiniger. Im Herbst 1918 fällt er selbst. Die Erzählung ist eine Studie über Vergebung, die ohne ein einziges großes Wort auskommt – und zugleich über die Scham der Überlebenden.
Der Vater
Ein siebzigjähriger preußischer Oberst, Freiherr Ägidius, wird 1918 gegen seinen Willen in den Ruhestand geschickt. Zu Hause wartet niemand. Beim Durchsehen alter Feldpostbriefe seines Sohnes Erasmus findet er einen aus dem ersten Kriegsjahr, in dem der Sohn ihn mit „mein lieber Vater“ angeredet hatte. Der Oberst hatte ihn damals zurechtgewiesen: Diener des Vaterlands sprächen anders miteinander. Seitdem schrieb der Sohn nur noch dienstlich.
Als ein Brief mit dem Vermerk „Vermißt“ zurückkommt und das Tagebuch des Sohnes eintrifft, erklärt der Vater ihn für gefallen. Im Tagebuch findet er keine einzige heldische Zeile. Doch Erasmus lebt; er ist aus der Gefangenschaft geflohen und kommt auf Urlaub. Der Oberst sagt, er habe das Tagebuch verbrannt – und nennt ihn leise „mein lieber Sohn“.
La Ferme morte
Die dritte Geschichte ist die kürzeste und härteste. Von einem französischen Bauernhof, der „toten Ferme“, ist nur ein Kalksteinhügel übrig. Gruppe um Gruppe wird dorthin ins Feuer geschickt, wenige kommen zurück, die Gesichter weiß vom Kalkstaub. Der neunzehnjährige Theologiestudent Bardeleben hat seinen Tod vorausgesehen und dem Erzähler vorher seine Bibel geschenkt. Beim nächsten Feuerüberfall stirbt er im Unterstand.
Einordnung
Dass diese Erzählungen 1934 erscheinen konnten, zeigt, wie groß Wiecherts Spielraum damals noch war. Zugleich passen sie schlecht zur Heldenverehrung des neuen Regimes. Sie gehören in eine Reihe mit den Kriegsgeschichten aus Der silberne Wagen (1928) und den Novellen „Veronika“ und „Die Pfingsten des Musketiers Wiedegang“ aus Das heilige Jahr (1936).
Die Figurennamen Ägidius und Erasmus hat Wiechert später wieder aufgenommen: In seinem letzten Roman Missa sine nomine heißen zwei der drei adligen Brüder so. Die drei Erzählungen wurden oft nachgedruckt, unter anderem 1958 in einer Einzelausgabe des Verlags Kurt Desch.